Vorwort

 

Ein schöner Tag neigte sich einem Traum entgegen. Ich stieg mit bester Laune aus der Dusche, zog den neuen, rot-gelb gepunkteten Schlafanzug an und reinigte mit rund 96 Millionen Luftschwingungen pro Minute abrasionsfrei meine Zähne, dann kratzte ich mich gähnend im Nacken und zwischen den Schulterblättern, schaltete den LED-Fernseher ein und legte mich ins Bett.

Bald wurde es wohlig warm unter meiner Federdecke. Ich klickte in meinem Streaming-Dienst auf „Start Channel Surfing“, zappte durch die Mediathek und entschied mich schließlich völlig schlafentspannt für Audio-Streaming. Mit Wagners Der Ring des Nibelungen schlummerte ich im Vorspiel von Das Rheingold ein. Das letzte, was ich vor dem Einschlafen bemerkte, war, wie meine rechte Hand meine kitzelnde Schulter schrappte, meine linke durch die Haare kraulte und ich mich streichelnd im Schlaf verlor.

  „Hallo Roland! Ich bin Friedrich.“

  „Friedrich?“

  „Ja, Friedrich, dein Floh!“

  „Mein Floh?“  

  „Du weißt es vielleicht noch nicht, aber ich bin heute bei eurer Wanderung auf dem Drachenfels hinter deinem Ohr erwacht. Als ich den Rhein und die Nibelungenhalle sah, freute ich mich, genau auf dem Richtigen gelandet zu sein“, raunte die Stimme.

  „Gelandet zu sein?“

  „Ich bin erschöpft und habe Jahrhunderte gesehen, von denen ich dir gerne erzählen möchte.

  „Jahrhunderte gesehen?“

  „Davon möchte ich dir gerne erzählen. Aber vor allem möchte ich dir mein Herz ausschütten, denn ich muss eine schwere Last loswerden. Darf ich?“

  „Ja.“

  Und schon begann Friedrich mir einige seiner wundersamen Erlebnisse ins Ohr zu flüstern. Die erstaunlichste von all diesen Erzählungen aber war die, in der er mir die Wahrheit über Siegfried, den König der Nibelungen anvertraute.

 

 

WIE ALLES KEIMTE

 

Staub und Weihrauch

 

Seine Familie könne auf eine sehr lange Ahnenreihe zurückblicken und sei bereits im 11. Jahrhundert historisch bezeugt, erzählte mir Friedrich voller Stolz.

  Keine andere als Berta von Buchhorn, die Stifterin des Nonnenklosters Hofen höchstpersönlich rief damals hochkehlig unvermittelt in die Kirchweihe: „Ja, zwickt‘s mi!?“ worauf der sonst eher in sich ruhende Bischof, für alle überraschend, sein Zeremoniell tief Luft holend unterbrach und ins Kirchenschiff schrie: „Ist es denn – zum Donnerwetter – nicht möglich, während der Kirchweihe ohne Zwischenbemerkungen zu schweigen, sich wenigstens in dieser kurzen und kostbaren Zeit zu besinnen, um sich hingebungsvoll in Gott zu versenken!?“ Aufgebracht, wie er war, entfuhr ihm noch ein „Himmel, Arsch und Zwirn!“, bevor er sein Gebetbuch packte und in der Sakristei verschwand. Die anwesenden Nonnen saßen wie erstarrt auf ihren harten Kirchenbänken; einige der Damen sackten gar unauffällig in eine kurze Ohnmacht.

 

 Und weiter erzählte Friedrich, dass im 16. Jahrhundert ein Großteil seiner Vorfahren bei einer unglückseligen Überfahrt von Hofen zum Kloster St. Gallen mit ihren Wirten – so nennen Flöhe die Menschen – im Bodensee ertranken. Dies sei ein vergleichsweise bedauerlicher Tod, bedenke man, dass Flöhe seit jeher von den Menschen als blutsaugende Parasiten hart und herzlos zerdrückt, verbrannt, ersäuft – kurz: vernichtet wurden. Die überlebenden Flöhe seien nach dieser tragischen Überfahrt im Kloster St. Gallen sesshaft geworden. Seine Ahnen hätten die ereignisreiche Klostergeschichte, die dort ihren Anfang nahm, auf althergebrachte Weise an die nächste Generation weitergegeben und immer darauf geachtet, in ihrer Heimat zu bleiben. Gerade Klosterflöhe seien sehr sesshaft und gebildet, erzählte Friedrich in mein Ohr.

 

Friedrich, der Klosterfloh

 

Man schrieb das Frühjahr 1804, als Friedrich, der Klosterfloh in dem zerschlissenen Polsterschemel eines Beichtstuhls das Licht der Welt erblickte. Da er bereits als Junghüpfer sehr wissbegierig war, schickten ihn seine Eltern zur Äbtissin Roswitha in die Lehre. Die Äbtissin war ein sehr gebildeter, gemütlicher Mensch von vielleicht sechzig Jahren, die sich wie keine andere darauf verstand, die alten Traditionen zu wahren. Trotz der napoleonischen Unruhen samt dem Vorhaben, auch dieses Gotteshaus aufzuheben – zu säkularisieren, wie die Menschen das nannten – verwaltete sie ihr Kloster mit kluger Entschlossenheit.

  Friedrich nahm unauffällig, aber eifrig seine Studien auf und schaute gewissermaßen seiner Lehrmeisterin über die Schulter. Durch eine glückliche Fügung war er der einzige Floh auf Roswitha. Friedrich lernte Latein, Griechisch und verstand sich auch bald auf die Deutung der Bibel. Stellenweise legte er sie sogar etwas anders aus als seine geschätzte Äbtissin. Besonders die Stelle aus Jacobus ‚So ihr das königliche Gesetz erfüllet nach der Schrift: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, so tut ihr wohl’, sollte von Güte handeln, war aber aus Friedrichs Blickwinkel nicht mehr als ein nichtssagender Unsinn.

  Auch Geistliche mögen keine Flöhe. Als er eines morgens beim Auskleiden an Roswithas Busen beim Blutsaugen überrascht wurde, sprang sie kurzerhand samt Ordenstracht ins heiße Badewasser. Nervenzerreißend war Friedrichs Flucht vor den schlagenden Händen und schnippenden Fingern seiner frommen Wirtin – da war keine Nächstenliebe zu spüren. Mehr als einen ganzen Nachmittag lang hielt er sich schmollend von Roswitha fern, beschloss dann aber abends – wieder milder gestimmt – zu seiner gelehrten Wirtin zurück zu hüpfen, vergab ihr die Mordgelüste und stach zu einem herrlichen Abendschmaus beherzt in ihre Wade. Wo sollte er als wissenshungriger Klosterfloh denn sonst auch hin?

  In der kurzen Zeit, die er noch auf Roswitha verweilen durfte, richtete er sich sehr behaglich ein. Sein erstes Weihnachtsfest, das leider auch schon das letzte auf seiner Wirtin sein sollte, rückte näher.

 

Es war der 24. Dezember 1804, wenige Monate vor der Auflösung des Klosters. Draußen schneite es ohne Unterlass. Der Heilige Abend war bitterkalt, das Weihnachtsfest wunderschön und Friedrichs Festschmaus – das Blut der jungen Nonne Adelheit – eine schwebendzarte Köstlichkeit. In den späten Nachtstunden geschah etwas Seltsames. Äbtissin Roswitha war, wie so oft, beim Lesen eingeschlafen. Als sie sich umdrehte, fuhr Friedrich erschrocken aus dem Schlaf. Im Zwielicht der noch brennenden Kerze und des Mondes sah er eine nicht mit der Vernunft erklärbare Erscheinung. Der kondensierte Atem der Äbtissin drang als Wolke in das Schummerlicht und formte darin eine helle, sich langsam bewegende Gestalt. Schemenhaft erkannte Friedrich das Gesicht eines jungen Burschen mit faszinierenden wasserblauen Augen, edlen Gesichtszügen und blond gewelltem Haar. Ein Kribbeln durchfuhr ihn: „Der Heiland, Gottes Sohn!“ Sicher galt die Vision nicht ihm, einem Floh, vielmehr der Äbtissin. Obwohl er Roswitha mit einem Stich in die Wange wecken wollte, ließen ihn seine durcheinanderpurzelnden Gedanken verharren. Die Gestalt schien unmissverständlich ihm, einem unbedeutenden Klosterfloh, etwas mitteilen zu wollen. Die Äbtissin drehte sich erneut und Friedrich konnte nun nichts mehr erkennen – wie ärgerlich. Ein eigentümlicher, ein herrlicher Geruch lag in der Luft. Friedrich war aufgewühlt, versuchte sich diese Erscheinung zu erklären, hüpfte auf die Schulter der Äbtissin – fort – verflogen. Durch das Fenster sah er die schweigend auf ihn herabblinkenden Sterne und spürte, wie sie irgendwo in der Unendlichkeit auf ihn zu warten schienen. Friedrich blieb noch eine Weile grübelnd hocken, erst als der Morgen anbrach, schlief er wieder ein.

 

Im Frühjahr 1805 hatte er das sonderbare Weihnachtserlebnis vergessen. Schließlich war er ein Floh, der sich von seinem Verstand leiten ließ und nicht von umhergaukelnden Hirngespinsten.

  Wenige Tage vor Pfingsten fühlte er eine ungeahnte Lässigkeit in sich aufkeimen – Maiblut. Der Frühlingsmonat fegte durch das Kloster, die Ordensfrauen tanzten auf frühlingsdampfenden Wiesen freudig singend ihre Reigen, Vögel zwitscherten munter von den knospenden Bäumen und ein Brief aus Rom flatterte in die Hand der Äbtissin – sie musste nach Italien reisen. Kein geringerer als der Papst berief die klügsten Köpfe seiner Kirchenoberhäupter an den Heiligen Stuhl, um einen leidlich erfolglosen Streit mit Napoleon Bonaparte beizulegen und die Wiederherstellung des Katholizismus voranzutreiben.

 

„Also dann, auf nach Rom!“ freute sich Friedrich.

  Mit einem Köfferchen in der Hand stand Roswitha am Pfingstsonntag vor den Ordensschwestern zum Abschied bereit. Friedrich hing – berauscht vom Frühling – leichtsinnig an Roswithas Ohrläppchen und stärkte sich für die lange Reise.

  Auf einem Wochenmarkt in Innsbruck trennten sich jedoch ihre Lebenswege. Während einer Unterhaltung seiner Äbtissin mit einem schottischen Whiskyverkäufer konnte Friedrich es nicht lassen, – nur eine kurze Verkostung – schottisches Blut zu probieren: Absprung, halsbrecherische Landung auf dem Brustbein, Einstich, Saugen, Schmecken, plötzlicher Tumult, Ende der Degustation. Ein Landstreicher riss ein Fass Whisky von der Kutsche und rannte mit der Beute davon. Ohne dass Friedrich auch nur den Hauch einer Chance gehabt hätte, zu seiner Äbtissin zurückzuspringen, spurtete der Schotte hinter dem Halunken her. Zwei weitere Schurken stürmten von der Seite heran, packten den Schotten, zerrten ihn in eine Seitengasse und schlugen auf ihn ein.

„So eine hinterhältige Falle“, empörte sich Friedrich, der glücklicherweise knapp neben einem heftigen Faustschlag zwackte, der den Schotten unglücklicherweise bewusstlos zu Boden streckte.

  Und hier, in der Gosse, nahm Friedrich wieder diesen himmlischen, mit Worten nicht zu beschreibenden Geruch wahr, der wohl aus einem dunklen Kellerloch zu ihm empor wehte, und ihm war, als sähe er inmitten einer diffusen Lichtwolke wieder dieses blonde Wesen, das ihn mit großen, klagenden Augen anschaute. Der Duft betörte seine Sinne, sein Zeitempfinden wich unangenehm aus den Gedanken. Friedrich sank nieder.

 

Als er aufwachte, war der Geruch noch schwach vorhanden, aber verflüchtigte sich in salziger Luft. Friedrich verstand die Welt nicht mehr: Möwengeschrei. Er wachte auf einem Leuchtfeuerwärter im Leuchtturm vor einem südenglischen Hafen auf! Wie und warum er dort hingekommen, vor allem, wo dieser schottische Whiskyverkäufer abgeblieben war, blieb für immer ein Rätsel.

  Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass Friedrich sich plötzlich an einem unerwarteten Ort in einer unerwarteten Lage wiederfand. Ohne es zu wollen oder zu wissen, geschah es, dass er entweder schlafend Zeitsprünge absolvierte oder sich durch gewohnte Hüpfer, wie beispielsweise vom Ohr in den Nacken, in der Zeit verlor. Erst schlief oder hüpfte er einige Tage, dann einige Monate durch die Zeit, schließlich wirbelte er durch ein Jahrzehnt und befand sich in einem Zeitgeschehen, ohne verjüngt oder gealtert zu sein, was ihm ausnehmend gut gefiel. Ein sehr unangenehmer Nebeneffekt war allerdings, dass er sich nach den Zeitsprüngen schlapp fühlte und geradezu ausgehungert war. Die geheimnisvolle Gestalt in der leuchtenden Wolke nahm er ein letztes Mal nachts auf der jungen Schriftstellerin Annette von Droste-Hülshoff wahr. Auch der Duft, der die merkwürdige Erscheinung bis dahin immer begleitet hatte, blieb seither aus. Die unbeabsichtigten Zeitsprünge jedoch hielten an. Er nahm sie gelassen und bemühte sich nach dem Erwachen, möglichst schnell auf Menschen zu hüpfen, um als kleiner blutsaugender Zeitsprungakrobat seinen Hunger zu stillen.

 

So kehrte er beispielsweise im Spätfrühling des Jahres 1865 mopsfidel auf Rudolf Virchow ein, der ihm an Seziertischen einen imposanten Einblick in die menschliche Anatomie verschaffte. Das war vier Wochen bevor Otto von Bismarck den berühmten Pathologen Virchow über einen Sekundanten überraschend zu einem Duell herausforderte, dessen Ausgang Friedrich nie erfahren sollte, da er die Antwort Virchows ’es sei keine zeitgem’ als Widerhall wahrnahm, ehe der Tonfall sanft verhauchte. Friedrich lauschte noch für einige Augenblicke. Er wunderte sich, dass gerade ihm so etwas passieren würde, als er sich unvermittelt auf dem gemütlichen Maler Carl Spitzweg wiederfand. Mit ihm kam er viel an die frische Luft. Ganz besonders stolz ist Friedrich auf das Gemälde „Der arme Poet“, auf dem er selbst, Friedrich, der Floh, höchstpersönlich von Spitzweg gemalt, zwischen den Fingern eines befreundeten mittellosen Dichters in einer armseligen Münchener Dachstube künstlerisch festgehalten worden war. Zugegeben, keine ungefährliche Situation. Noch ehe Friedrich von Spitzweg künstlerisch vollendet werden konnte, durchschlüpfte er mehrere Jahrzehnte und fand sich in einer stattlichen Höhe von 1,91 Meter baumelnd an den schwarzen, ondulierten Haaren von König Ludwig II. von Bayern wieder. Der König verbrachte seine Sommerfrische gern auf seinem Lieblingsgrundstück, das wenig später sein Märchenschloss Neuschwanstein schmücken sollte. Er war so verspielt, dass er – wie im Märchen von „Dornröschen“ – eigens eine Rosenhecke anlegen ließ, nur um sie galant mit dem Schwert zu durchschlagen. Er bahnte sich seinen Weg zu einer Brunnenattrappe, auf der ein leibhaftiger, dicker Frosch hockte. Als Märchenprinz verkleidet gab er dem Frosch einen spitzlippigen Kuss und sprang zurück. Richard Wagner, sein Lieblingskomponist, kletterte ächzend aus der Attrappe. Oben angekommen, blies er eine ins Mark und Bein gehende Fanfare.

  Bebend vor schwärmerischer Begeisterung vergötterte der junge Ludwig den älteren Komponisten, fantasierte sich in die Sagenwelt seiner Opern hinein und fieberte sehnsüchtig dem Tag entgegen, an dem Wagner sein mehrtägiges Bühnenfestspiel aufführen würde: „Der Ring des Nibelungen“!

  Schon bald hatte der König ein Festspielhaus eigens für Wagner in Bayreuth errichten lassen; ein großer Traum wurde Wirklichkeit – endlich!

 

Der Komponist war nicht mehr der Jüngste, dafür aber der exzentrischste Wirt auf den Friedrich wenige Tage vor der Uraufführung aufgeregt herüberwechselte. Selbstverständlich wählte er den besten Platz – Wagners Ohr. Der Maestro betrat den Opernsaal, schritt zu seinem Dirigentenpult und sammelte sich mehrere Minuten. Friedrich neigte seinen Rüssel würdevoll an das zartdurchblutete Ohrläppchen des Komponisten. Im Saal herrschte erwartungsvolle Stille. Friedrich stieß zu, Wagner zuckte und mit einer winzigen Verzögerung schwangen die ersten Töne durch den Saal.

  Es-Dur: dunkles Brummen, in das sich wie aus weiter Ferne eine schwankende sonore Schwere einschmiegte, sanft durchwebt von hellen Tönen, verstärkt durch trudelnde belebende Schwingungen, wild heranwachsend zu einer kolossal brandenden Wucht. Nach dem alle vorhandenen Instrumente in verschwenderischem Einsatz waren, wurde Friedrich von einer Urgewalt aus Wagners herumwirbelnden Kopf aus den Haaren durch die Luft geschleudert und fürchtete, auf einen der ohrenzerreißenden Blechblasinstrumentalisten zu stürzen. Er sah nur noch, wie sich die Backen der Tubaspieler blähten, wehte über dem Trichter einer Tuba kurz aufwärts und verlor sich in den Schwingungen eines Basstons. Nun geschah ein Zeitsprung, der selbst für seine Verhältnisse einen ungewöhnlichen Richtungswechsel darstellte: Zum ersten Mal wurde Friedrich in die Vergangenheit versetzt, – und das sofort um anderthalb Tausend Jahre.

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